Wir haben kein Kommunikationsproblem. Wir haben ein Klarheitsproblem.

Veröffentlicht am 2. November 2026
Warum Führungskräfte immer mehr kommunizieren und trotzdem oft zu wenig Orientierung geben.
Kurz beantwortet
Gute Führungskommunikation entsteht nicht durch möglichst viele Informationen, sondern durch Klarheit über Botschaften, Prioritäten und Entscheidungen. Menschen müssen verstehen, worum es geht, warum es wichtig ist und was daraus folgt. Wer klar kommunizieren will, muss zuerst selbst Klarheit schaffen. Denn Kommunikation ersetzt keine Entscheidung.
Wir reden viel. Aber sagen wir auch das Wesentliche?
Noch ein Meeting. Noch eine Präsentation. Noch ein Strategiepapier. Noch ein Update.
In Unternehmen wird heute auf unzähligen Kanälen kommuniziert. Informationen werden geteilt, Entscheidungen erläutert, Projekte besprochen und Veränderungen angekündigt. Und trotzdem bleibt nach vielen Besprechungen eine erstaunlich einfache Frage offen:
Was bedeutet das jetzt konkret für mich?
Wenn Mitarbeitende eine Strategie nicht verstehen, wenn Entscheidungen nicht umgesetzt werden oder Veränderungen auf Widerstand stoßen, lautet die Diagnose häufig: Wir müssen besser kommunizieren. Also werden zusätzliche Meetings angesetzt, Präsentationen überarbeitet und Informationskampagnen gestartet.
Aber ist wirklich zu wenig Kommunikation das Problem?
Ich bin zunehmend der Meinung: In vielen Fällen fehlt es nicht an Kommunikation. Es fehlt an Klarheit. Denn Information ist noch keine Orientierung. Und viel zu reden bedeutet nicht automatisch, etwas verständlich zu machen.
Aus meiner Praxis
In meinen Präsentations- und Executive-Presence-Coachings erlebe ich immer wieder Führungskräfte und Expert:innen, die ihre Themen hervorragend beherrschen. Sie kennen sämtliche Hintergründe, haben Risiken analysiert, Alternativen geprüft und ihre Argumente sorgfältig vorbereitet. Und dann präsentieren sie. Ausführlich. Differenziert. Fachlich korrekt. Nur die eigentliche Botschaft bleibt manchmal erstaunlich schwer erkennbar.
In solchen Situationen stelle ich gerne eine einfache Frage: „Was genau soll Ihr Gegenüber nach Ihrer Präsentation verstanden haben oder entscheiden?“ Diese Frage verändert häufig das gesamte Gespräch. Plötzlich geht es nicht mehr darum, welche Informationen unbedingt noch auf eine Folie müssen, sondern darum, was wirklich relevant ist.
Je tiefer Menschen in einem Thema stecken, desto schwieriger wird es für sie, das Wesentliche herauszuarbeiten. Sie wollen nichts auslassen, ihre Kompetenz zeigen, möglichen Einwänden zuvorkommen. Und manchmal möchten sie sich auch gegen Kritik absichern. Genau dadurch verliert ihre Botschaft an Wirkung.
Was mich meine langjährige Praxis gelehrt hat: Klarheit entsteht nicht beim Formulieren. Sie beginnt beim Denken.
1. Warum Fachkompetenz nicht automatisch zu klarer Kommunikation führt
Wer viel weiß, möchte häufig auch viel erklären. Das ist verständlich. Gerade Expert:innen haben oft jahrelang Wissen aufgebaut und komplexe Zusammenhänge durchdrungen. Doch ihr Publikum verfügt selten über denselben Wissensstand. Was für die präsentierende Person logisch und selbstverständlich erscheint, kann für andere unverständlich sein.
In der Psychologie spricht man vom Curse of Knowledge, dem Fluch des Wissens: Wer etwas weiß, unterschätzt leicht, wie schwierig es für andere sein kann, dieses Wissen nachzuvollziehen.
Für Führungskräfte bedeutet das: Sie müssen nicht nur wissen, was sie sagen wollen. Sie müssen auch verstehen, was ihr Publikum wissen muss. Die entscheidende Frage lautet daher nicht „Was weiß ich alles über dieses Thema?“, sondern:
„Was muss mein Gegenüber verstehen, um eine Entscheidung treffen oder sinnvoll handeln zu können?“
Das ist ein grundlegender Perspektivenwechsel.
2. Warum zu viele Erklärungen die Wirkung schwächen
Kennen Sie solche Formulierungen?
„Unter Berücksichtigung der aktuellen Rahmenbedingungen und vorbehaltlich möglicher weiterer Entwicklungen würden wir grundsätzlich dazu tendieren, diese Variante zu priorisieren.“
Was bleibt davon hängen? Vermutlich wenig.
Natürlich gibt es Situationen, in denen Differenzierung und rechtliche oder fachliche Einschränkungen unverzichtbar sind. Aber häufig verstecken wir unsere eigentliche Aussage hinter Nebensätzen, Absicherungen und komplizierten Formulierungen. Statt zu sagen „Wir empfehlen Variante B, weil sie langfristig wirtschaftlicher ist“, wird zuerst erklärt, warum Variante A ursprünglich interessant war, welche Risiken Variante C mit sich bringt und welche Entwicklungen möglicherweise noch zu berücksichtigen wären. Irgendwann kommt die Empfehlung. Wenn überhaupt.
Dabei gilt gerade in entscheidungsorientierten Präsentationen: Die zentrale Aussage gehört an den Anfang. Die Begründung folgt danach.
Klarheit bedeutet nicht, Informationen wegzulassen, die für eine fundierte Entscheidung wichtig sind. Sie bedeutet, Wichtiges von weniger Wichtigem zu unterscheiden.
3. Klarheit verlangt den Mut zur Entscheidung
Hier wird es aus meiner Sicht besonders interessant. Denn nicht jede unklare Kommunikation ist ein sprachliches Problem.
Manchmal ist die Botschaft unklar, weil die Entscheidung dahinter noch nicht getroffen wurde. Manchmal bestehen widersprüchliche Interessen. Manchmal möchte niemand Verantwortung übernehmen. Und manchmal wird bewusst möglichst unverbindlich formuliert, um Konflikte zu vermeiden.
Doch wer alles offenlässt, schafft nicht automatisch mehr Handlungsspielraum. Häufig entsteht das Gegenteil: Unsicherheit.
Führungskräfte müssen nicht auf jede Frage sofort eine Antwort haben. Aber sie sollten klar benennen, was entschieden ist, was noch offenbleibt und wie es weitergeht. Ein Satz wie „Wir haben noch keine Entscheidung getroffen. Bis Freitag prüfen wir zwei Optionen. Danach legen wir die nächsten Schritte fest.“ kann mehr Orientierung geben als eine halbstündige Präsentation voller unverbindlicher Aussagen.
Klarheit bedeutet nicht, immer Gewissheit zu haben. Klarheit bedeutet auch, Ungewissheit verständlich zu machen.
4. Warum mehr Kommunikation nicht automatisch mehr Verständnis schafft
Wenn Kommunikation nicht funktioniert, reagieren Unternehmen häufig mit noch mehr Kommunikation. Mehr Meetings. Mehr Updates. Mehr Präsentationen. Mehr Kanäle. Doch die Menge der Informationen sagt wenig darüber aus, ob Menschen tatsächlich Orientierung gewinnen. Im Gegenteil: Zusätzliche Informationen können die Aufmerksamkeit weiter zersplittern.
Die an der University of New South Wales entwickelte Cognitive Load Theory beschreibt, dass unser Arbeitsgedächtnis nur eine begrenzte Verarbeitungskapazität besitzt. Für die Kommunikation bedeutet das: Werden Menschen mit zu vielen gleichzeitig zu verarbeitenden Informationen konfrontiert, erschwert das das Verstehen.
Eine gute Führungskraft muss deshalb nicht alles sagen, was sie weiß. Sie muss erkennen, welche Informationen ihr Gegenüber braucht, um Zusammenhänge zu verstehen und Entscheidungen nachzuvollziehen. Das ist keine oberflächliche Vereinfachung. Es ist eine anspruchsvolle Form der gedanklichen Arbeit.
5. Drei Fragen für mehr Klarheit in der Führungskommunikation
Bevor Sie das nächste wichtige Meeting leiten, eine Präsentation vorbereiten oder eine Entscheidung kommunizieren, beantworten Sie drei Fragen.
Was ist meine zentrale Botschaft?
Formulieren Sie in einem einzigen Satz, was Ihr Publikum unbedingt verstehen soll. Wenn Sie dafür fünf Minuten brauchen, ist Ihre Botschaft möglicherweise noch nicht ausreichend geklärt.
Warum ist das für mein Gegenüber relevant?
Welche Fragen beschäftigen Ihre Zuhörer:innen? Welche Erwartungen, Interessen oder Befürchtungen bringen sie mit? Welche Konsequenzen hat Ihre Botschaft für deren Arbeit oder Entscheidungen? Relevanz entsteht nicht dadurch, dass ein Thema für die präsentierende Person wichtig ist. Relevanz entsteht, wenn das Publikum erkennt, warum es sich damit beschäftigen sollte.
Was soll nach meiner Kommunikation anders sein?
Soll eine Entscheidung getroffen werden? Soll eine Veränderung verstanden und mitgetragen werden? Soll jemand handeln, Prioritäten verändern oder eine neue Perspektive einnehmen? Wenn Sie diese Frage nicht beantworten können, sollten Sie die Zielsetzung Ihrer Kommunikation nochmals überprüfen.
Eine gute Präsentation endet nicht beim letzten Satz. Ihre Wirkung zeigt sich darin, was danach geschieht.
Klarheit bedeutet nicht Vereinfachung um jeden Preis
Einen Punkt möchte ich ausdrücklich betonen: Klarheit bedeutet nicht, schwierige Sachverhalte auf Schlagworte zu reduzieren. Gerade komplexe Entscheidungen brauchen Differenzierung, Transparenz und manchmal auch ausführliche Erklärungen.
Aber es macht einen Unterschied, ob wir Komplexität verständlich machen oder unser Publikum mit ihr alleinlassen. Wer führt, muss Zusammenhänge einordnen, Prioritäten setzen und Orientierung geben. Und dazu gehört auch, Widersprüche auszuhalten und unbequeme Entscheidungen nachvollziehbar zu machen.
Ein kurzer Selbstcheck für Führungskräfte
Denken Sie an Ihre letzte wichtige Präsentation, Ihr letztes Strategie-Meeting oder eine anspruchsvolle Führungsentscheidung.
- Konnten Sie Ihre zentrale Botschaft in einem Satz formulieren?
- War für Ihr Gegenüber erkennbar, warum das Thema relevant ist?
- Haben Sie klar zwischen Fakten, Einschätzungen und offenen Fragen unterschieden?
- War eindeutig, was bereits entschieden wurde und was noch offen ist?
- Wussten die Beteiligten anschließend, was von ihnen erwartet wird?
Wenn Sie mehrere Fragen mit Nein beantworten, lohnt es sich, nicht nur an Ihrer Kommunikation zu arbeiten, sondern einen Schritt früher anzusetzen: bei der gedanklichen Klarheit.
Meine Meinung: Klarheit ist eine Führungsleistung
Als Präsentations-Trainerin und Executive Presence Coach beschäftige ich mich seit vielen Jahren mit der Frage, warum manche Menschen überzeugen und andere trotz hoher Kompetenz wenig Wirkung erzielen. Natürlich spielen Stimme, Körpersprache, Präsenz und rhetorische Fähigkeiten eine wichtige Rolle.
Doch meine Erfahrung zeigt: Die entscheidende Arbeit beginnt häufig vor dem eigentlichen Auftritt. Bei der Klärung der Botschaft. Was will ich sagen? Warum ist es relevant? Und was soll daraus folgen? Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, können wir daran arbeiten, die Botschaft überzeugend zu vermitteln.
Denn eine starke Stimme macht eine unklare Aussage nicht automatisch überzeugender. Und die souveränste Körpersprache kann fehlende gedankliche Klarheit nicht dauerhaft ausgleichen.
Meine Überzeugung: Klarheit ist keine rhetorische Technik. Klarheit ist eine Führungsleistung.
Vielleicht brauchen wir deshalb nicht immer mehr Kommunikation. Sondern öfter den Mut, vor dem Kommunizieren wirklich zu klären, was wir sagen wollen.
Klar kommunizieren und überzeugend auftreten
Gerade bei wichtigen Präsentationen, strategischen Entscheidungen oder anspruchsvollen Gesprächen zeigt sich, wie eng gedankliche Klarheit und persönliche Wirkung zusammenhängen. Im Executive Presence Coaching und in meinen Trainings zur Führungskommunikation arbeiten wir deshalb nicht nur an Sprache, Struktur und Auftreten. Wir beschäftigen uns auch mit den Fragen, die davor liegen: Welche Botschaft soll ankommen? Was braucht das Gegenüber? Und wie wird aus Information eine überzeugende Entscheidungsvorlage?
Über die Autorin: Angela Pengl-Böhm ist Kommunikationstrainerin, Präsentations-Trainerin und Executive Presence Coach in Wien. Die ehemalige ORF-Wirtschaftsjournalistin und frühere Leiterin der Unternehmenskommunikation bei Palmers begleitet seit über 30 Jahren Führungskräfte, Expert:innen und Teams in Führungskommunikation, Präsentation und Auftritt.
Häufige Fragen
Was bedeutet Klarheit in der Führungskommunikation?
Klarheit bedeutet, dass Mitarbeitende und andere Beteiligte verstehen, worum es geht, warum etwas wichtig ist, welche Entscheidungen getroffen wurden und welche nächsten Schritte folgen. Sie entsteht durch verständliche Botschaften, nachvollziehbare Prioritäten und transparente Kommunikation.
Warum kommunizieren Führungskräfte häufig zu kompliziert?
Aus meiner Erfahrung spielen mehrere Faktoren eine Rolle: hohes Fachwissen, der Wunsch nach Vollständigkeit, Angst vor Missverständnissen und das Bedürfnis, sich gegen Kritik abzusichern. Manchmal fehlt aber auch eine klare Entscheidung, die kommuniziert werden könnte.
Wie kann man lernen, klarer zu kommunizieren?
Ein erster Schritt ist, vor jedem wichtigen Gespräch oder jeder Präsentation drei Fragen zu beantworten: Was ist meine zentrale Botschaft? Warum ist sie für mein Gegenüber relevant? Und was soll danach geschehen? Darauf aufbauend lassen sich Struktur, Formulierungen und persönliche Wirkung gezielt trainieren.
Was ist der Unterschied zwischen Klarheit und Vereinfachung?
Klarheit macht komplexe Inhalte verständlich, ohne wesentliche Informationen zu verfälschen. Vereinfachung wird problematisch, wenn entscheidende Zusammenhänge, Risiken oder Unsicherheiten verloren gehen.
Quellen
Curse of Knowledge: Journal of Political Economy, 97(5), 1989, 1232–1254.
Cognitive Load Theory (University of New South Wales): Cognitive Science, 12(2), 1988, 257–285.
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Nächster Schritt
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