Executive Presence online: Warum Sie im Videocall an Wirkung verlieren und wie Sie sie zurückholen

Veröffentlicht am 25. Oktober 2026
Kurz beantwortet
Im Videocall verlieren Führungskräfte an Wirkung: Der Bildschirm ermüdet, schneidet Körpersprache ab und verstärkt jede Schwäche im Ton. Executive Presence online entsteht deshalb über andere Hebel als im Raum: guter Ton, Blick in die Kamera bei Kernaussagen, die Botschaft im ersten Satz, bewusste Pausen und eine klare Führung der Redezeit. Technik ist Voraussetzung. Wirkung bleibt Haltung.
Ihr Vorstand sieht Sie inzwischen vermutlich öfter als Kachel im 16:9-Format als im Besprechungsraum. Ihr Team auch. Und viele Führungskräfte, die im Raum souverän wirken, verlieren auf dem Bildschirm ein Stück davon, ohne genau zu wissen, warum.
Was Executive Presence grundsätzlich ausmacht, habe ich im Beitrag Executive Presence: Was wirklich hilft beschrieben. Hier geht es darum, was davon am Bildschirm übrig bleibt.
Warum Präsenz am Bildschirm schwerer fällt
Videokonferenzen kosten mehr Energie, als wir glauben. Forschende der FH Oberösterreich und der TU Graz haben das gemessen: Dieselbe Vorlesung ermüdete per Video deutlich stärker als im Hörsaal. Ein Teil der Signale, die wir sonst unbewusst lesen, fehlt oder kommt verzögert an. Das Gehirn arbeitet nach.
Für Ihre Wirkung heißt das: Ihr Publikum ist schneller müde. Und Sie selbst sind es auch. Wer den vierten Call in Folge führt, hat für Präsenz schlicht weniger Kraft übrig.
Der Ton entscheidet über Ihre Kompetenz
Die meisten Führungskräfte investieren in Kamera und Licht. Der wichtigere Hebel ist der Ton. Wissenschafter der Australian National University haben gezeigt: Dieselbe Person mit demselben Vortrag wird bei schlechtem Ton als weniger kompetent und weniger sympathisch eingeschätzt, ihre Inhalte als weniger wichtig.
Die unbequeme Konsequenz: Ein scheppernder Laptop-Lautsprecher kann Ihre Kompetenz kleiner machen, als sie ist. Und niemand sagt es Ihnen.
Aus meiner Praxis
Beim ORF habe ich früh eine Regel gelernt, die niemand erklären musste: Ein Beitrag mit schlechtem Ton geht nicht auf Sendung. Ein unscharfes Bild verzeiht das Publikum. Ein scheppernder Ton nicht.
In einem Online-Live-Seminar saß mir vor einigen Monaten ein Forscher eines renommierten Instituts gegenüber, virtuell. Im Raum eine Autorität, im Call klang er wie aus der Blechdose: Laptop-Mikrofon, halliges Büro. In eine neue Kamera hatte er investiert, ins Mikrofon nicht. Sein Wissen war im Call dasselbe wie im Raum. Angekommen ist davon deutlich weniger.
Was 30 Jahre Praxis mich gelehrt haben: Online wird Ihre Kompetenz zuerst gehört und erst dann gesehen.
Redezeit ist ein Führungssignal
Online setzt sich durch, wer zuerst spricht und keine Verzögerung hat. Wer mehr Redezeit einnimmt, wird als dominanter wahrgenommen, das ist gut belegt. Dominant ist allerdings nicht dasselbe wie souverän. Wer im Call kaum spricht, verschwindet. Wer ihn monopolisiert, wirkt laut, nicht stark. Executive Presence online heißt, Redezeit bewusst zu steuern: die eigene und die der anderen.
Fünf Hebel für Executive Presence im Videocall
1. Ton vor Bild
Ein externes Mikrofon oder ein gutes Headset bringt mehr als jede Kamera. Testen Sie Ihren Ton vor wichtigen Terminen mit einer Aufnahme.
2. Blick in die Linse, wenn es zählt
Wer auf die Gesichter am Bildschirm schaut, schaut für alle anderen nach unten. Kamera auf Augenhöhe, Kernaussagen bewusst in die Linse. Beim Zuhören dürfen Sie auf die Gesichter schauen.
3. Die Botschaft im ersten Satz
Beginnen Sie mit Ihrer Kernaussage und begründen Sie danach. Wer erst Kontext aufbaut, hat die Hälfte der Kacheln schon verloren.
4. Pausen, die gewollt wirken
Eine klar gesetzte Pause nach einer Kernaussage, mit ruhigem Blick in die Kamera, wirkt souverän. Füllwörter dagegen hört man über das Mikrofon deutlicher als im Raum.
5. Redezeit führen und Energie einplanen
Holen Sie die Stillen aktiv herein, mit Namen und einer konkreten Frage. Und legen Sie entscheidende Gespräche nicht ans Ende eines langen Videotages. Methoden dafür trainieren wir im Online-Seminar Online-Meetings erfolgreich moderieren.
Und die KI?
KI verändert, wie wir uns auf Meetings vorbereiten. Sie fasst zusammen, schreibt Protokolle und entwirft Folien. Je mehr Inhalte maschinell entstehen, desto weniger unterscheidet sich eine Führungskraft durch ihre Unterlagen. Sie unterscheidet sich durch das, was im Moment passiert: wie sie eine kritische Frage aufnimmt, wie sie Position bezieht, wie sie klingt.
Deshalb sehe ich KI als Co-Pilot, nicht als Entscheider. Mehr dazu im Seminar KI als Co-Pilot.
Fazit
Executive Presence endet nicht am Bildschirmrand. Sie folgt dort nur anderen Regeln. Wer online wirken will, investiert zuerst in Ton und Klarheit, dann in Blick und Pausen und erst zuletzt in Licht und Hintergrund. Je digitaler wir werden, desto menschlicher muss Führung werden. Auch in der Kachel.
Häufige Fragen
Was bedeutet Executive Presence online?
Für mich bedeutet Executive Presence online, dass Menschen Ihnen auch durch den Bildschirm Verantwortung zutrauen. Meine Erfahrung zeigt: Am Bildschirm fällt ein großer Teil der Körpersprache weg. Umso mehr tragen Ihre Stimme, Ihr Blick und die Klarheit Ihrer Botschaft.
Warum wirke ich im Videocall weniger souverän als im Raum?
Das höre ich von Führungskräften sehr oft. Meiner Ansicht nach gibt es zwei Gründe: Videocalls sind anstrengender, für Sie und für Ihr Publikum. Und der Bildschirm schneidet genau die Signale ab, mit denen Sie im Raum Präsenz zeigen: Haltung, Bewegung, Raum. Die gute Nachricht: Beides lässt sich ausgleichen.
Ist ein gutes Mikrofon wichtiger als eine gute Kamera?
Ja, davon bin ich überzeugt. Seit meiner Zeit beim ORF weiß ich: Ein unscharfes Bild verzeiht das Publikum, schlechten Ton nicht. Ein externes Mikrofon oder ein gutes Headset ist die günstigste Investition in Ihre Wirkung online.
Soll ich in die Kamera oder auf den Bildschirm schauen?
Ich empfehle beides, bewusst eingesetzt: Ihre Kernaussagen sprechen Sie in die Kamera, beim Zuhören schauen Sie auf die Gesichter. So entsteht Blickkontakt genau in den Momenten, die zählen.
Kann KI meine Präsenz in Online-Meetings ersetzen?
Nein, und ich bin überzeugt, dass sich das auch nicht ändern wird. KI kann Unterlagen vorbereiten und Protokolle schreiben. Ob Ihnen jemand folgt, entscheiden Ihre Haltung, Ihre Stimme und Ihre Klarheit im Moment. KI ist Co-Pilot, nicht Entscheider.
Quellen
Riedl, R., Kostoglou, K., Wriessnegger, S. C. & Müller-Putz, G. R. (2023). Videoconference fatigue from a neurophysiological perspective: Experimental evidence based on electroencephalography (EEG) and electrocardiography (ECG). Scientific Reports, 13, 18371.
Riedl, R. (2022). On the stress potential of videoconferencing: definition and root causes of Zoom fatigue. Electronic Markets, 32(1), 153–177.
Newman, E. J. & Schwarz, N. (2018). Good Sound, Good Research: How Audio Quality Influences Perceptions of the Research and Researcher. Science Communication, 40(2), 246–257.
Schmid Mast, M. (2002). Dominance as expressed and inferred through speaking time: A meta-analysis. Human Communication Research, 28, 420–450.
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